Wie bekomme ich einen Schwer­behinderten­ausweis?

Von 23. Januar 2018 Februar 21st, 2018 Unkategorisiert
Offi­ziell gibt es in Deutsch­land 7,6 Millionen Schwer­be­hin­derte. In der Realität dürften es etliche mehr sein, denn viele Menschen sind schwer­be­hin­dert und wissen es nicht. Ihnen ist nicht bekannt, dass auch chro­ni­sche Krank­heiten wie Diabetes, Blut­hoch­druck oder ein Bron­chi­al­asthma bei bestimmten Voraus­set­zungen als Schwer­be­hin­de­rung gelten. Damit entgehen den Betrof­fenen Nach­teils­aus­gleiche und Vergüns­ti­gungen.

Menschen mit einer Behin­de­rung stehen unter dem beson­deren Schutz des Grund­ge­setzes. Ziel ist es, auch Menschen mit dauer­haften körper­li­chen oder geis­tigen Einschrän­kungen die Teil­habe am gesell­schaft­li­chen Leben zu ermög­li­chen.

Der geschicht­liche Hinter­grund war die Versor­gung der Kriegs­opfer und die schnelle Einglie­de­rung in den Arbeits­markt. Deshalb gibt es für Arbeit­nehmer die umfang­reichsten Nach­teils­aus­gleiche. Aber auch für andere Bevöl­ke­rungs­gruppen mit Behin­de­rungen lohnt sich ein Antrag auf Schwer­be­hin­de­rung. Ich gebe Ihnen in diesem Beitrag eine Über­sicht über die wich­tigsten Punkte:


#1
Was definiert eine Schwerbehinderung?



Eine Behin­de­rung im Sinne des Gesetzes liegt vor, wenn diese

  • länger als 6 Monate von dem für das Lebens­alter typi­schen Gesund­heits­zu­stand abweicht und daher
  • die Teil­habe am Leben in der Gesell­schaft beein­träch­tigt ist.

Die Schwere einer Behin­de­rung drückt der GdB (Grad der Behin­de­rung) aus. Schwer­be­hin­dert ist, wer einen GdB von mindes­tens 50 % hat und in Deutsch­land wohnt.

Als Behin­de­rungen gelten Einschrän­kungen der körper­li­chen, geis­tigen und seeli­schen Gesund­heit. Nicht berück­sich­tigt werden Beein­träch­ti­gungen z.B. nach einer Opera­tion, die voraus­sicht­lich nicht länger als ein halbes Jahr andauern oder alters­ty­pi­sche Beschwerden. Dafür sind die Kranken- oder Pfle­ge­kassen zuständig.

Voraus­set­zung für die Aner­ken­nung ist, dass der Antrag­steller sich regel­mäßig ärzt­lich behan­deln lässt und die Thera­pien keinen ausrei­chenden Erfolg gezeigt haben.


#2
Was ist ein Schwerbehindertenausweis?



Schwer­be­hin­derte Menschen bekommen auf Antrag einen Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis – ab einem GdB von mindes­tens 50 %. Im Ausweis stehen Grad der Behin­de­rung und even­tu­elle Merk­zei­chen. Er dient als Nach­weis für die Inan­spruch­nahme von Leis­tungen und Nach­teils­aus­glei­chen.

Seit 2013 gibt es ihn im Scheck­kar­ten­format, vorher ausge­stellte Ausweise behalten jedoch ihre Gültig­keit. Ab dem 10. Lebens­jahr ist ein Licht­bild aufge­druckt.

Auf der Vorder­seite steht die Gültig­keits­dauer, in der Regel befristet auf 5 Jahre. Nach Ablauf dieser Zeit können Sie zweimal ohne größere Forma­li­täten eine Verlän­ge­rung bean­tragen, anschlie­ßend wird ein neuer Ausweis ausge­stellt. Beim Vorliegen von Behin­de­rungen, bei denen sich keine Ände­rung mehr ergibt, z.B. bei einer Ober­schen­kel­am­pu­ta­tion, ist er meist unbe­fristet.

HinweisHat sich Ihr Gesund­heits­zu­stand wesent­lich verän­dert, d.h. verbes­sert oder verschlech­tert, müssen Sie dies dem zustän­digen Versor­gungsamt mitteilen, damit even­tuell der GdB und die Merk­zei­chen neu fest­ge­setzt werden können.

Es besteht keine Pflicht zur Bean­tra­gung und Sie brau­chen den Ausweis auch nicht ständig bei sich haben. Bei Verlust stellen Sie einen neuen Antrag, Kopien sind nicht gültig – im Ausland gilt der Ausweis nicht. Beim Umzug infor­mieren Sie bitte Ihr zustän­diges Versor­gungsamt.



#3
Wie erhalten Sie einen Schwerbehindertenausweis?



In Bayern stellen Sie den Antrag beim zustän­digen Versor­gungsamt (= Dienst­stelle des Zentrum Bayern Familie und Soziales, ZBFS) – online oder schrift­lich. Antrag und Verfahren sind kostenlos.

Antrags­for­mu­lare gibt es beim Versor­gungsamt, bei Ihrer Gemeinde, oft beim Sozi­al­dienst von Kliniken und Reha­ein­rich­tungen.

Im Internet finden Sie den Antrag unter: www.schwerbehindertenantrag.bayern.de

Neben den persön­li­chen Daten geben Sie im Antrag auch Angaben zu Behin­de­rungen, Erkran­kungen, ärzt­li­chen Behand­lungen sowie Kran­ken­haus- und Reha­auf­ent­halte (der letzten zwei Jahre) an.

Hinweis: Im Regel­fall erfolgt die Bear­bei­tung nach Akten­lage und nicht nach persön­li­cher Begut­ach­tung. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass alle rele­vanten Unter­lagen dem Antrag beiliegen. Beschreiben Sie die Einschrän­kungen in Ihrem Alltag so genau wie möglich, Fach­be­griffe sind nicht erfor­der­lich. Infor­mieren Sie die behan­delnden Ärzte über Ihre Antrag­stel­lung und unter­schreiben Sie die Entbin­dung von der ärzt­li­chen Schwei­ge­pflicht.

Es dauert etliche Wochen, bis der Antrag geprüft wurde. Sind alle Unter­lagen vorhanden, kann sich die Bear­bei­tungs­zeit verkürzen. Sie erhalten dann einen schrift­li­chen Bescheid. Sind Sie damit nicht einver­standen, legen Sie inner­halb eines Monats Wider­spruch ein, schrift­lich oder münd­lich. Halten Sie aber vorher Rück­sprache mit Ihrem Arzt und kontrol­lieren Sie, ob tatsäch­lich alle wich­tigen Punkte ange­geben wurden. Mitglieder vom VdK können sich dort Unter­stüt­zung bei der Formu­lie­rung des Wider­spruchs holen.


#4
Wie wird der Grad der Behinderung festgestellt?



Der Grad der Behin­de­rung (GdB) kenn­zeichnet die Auswir­kungen der Einschrän­kungen der Teil­habe am Leben in der Gesell­schaft. Fest­ge­legt wird dieser Wert in Zehner­schritten zwischen 20 – 100, im allge­meinen Sprach­ge­brauch spricht man von den „Prozenten“.

Anhand einer GdB-Tabelle werden die verschie­denen Behin­de­rungen und die damit verbun­denen Einschrän­kungen jeweils einem bestimmten Einzel – GdB zuge­ordnet. Bei mehreren Einschrän­kungen zählt man diese nicht zusammen, sondern es wird die Einschrän­kungen im Ganzen betrachtet. Was ist die größte Beein­träch­ti­gung und wie beein­flussen sie die anderen Erkran­kungen?


#5
Was bedeutet ein Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis?



Spezi­fi­sche Behin­de­rungen und gesund­heit­liche Einschrän­kungen werden durch „Merk­zei­chen“ kennt­lich gemacht – sie berech­tigen zu weiteren Nach­teils­aus­glei­chen und müssen bean­tragt werden.

Hier ein Über­blick über die häufigsten Merk­zei­chen:



Merk­zei­chen G
– erheb­lich beein­träch­tigt in der Bewe­gungs­fä­hig­keit
d.h. der schwer­be­hin­derte Mensch ist in seiner Bewe­gungs­fä­hig­keit im Stra­ßen­ver­kehr erheb­lich beein­träch­tigt. Umgangs­sprach­lich sagt man „gehbe­hin­dert“, wobei es sich nicht immer um eine Gehbe­hin­de­rung handeln muss.



Merk­zei­chen aG
– außer­ge­wöhn­liche Gehbe­hin­de­rung
Hierzu zählen z.B. Menschen mit doppelter Ampu­ta­tion der Unter­schenkel, Quer­schnitts­ge­lähmte oder Menschen, die sich nur mit fremder Hilfe oder nur mit großer Anstren­gung bewegen können.



Merk­zei­chen B
– Berech­ti­gung zur kosten­freien Mitnahme einer Begleit­person
Berech­tigt sind Menschen, die bei der Benut­zung von öffent­li­chen Verkehr­mit­teln regel­mäßig auf Unter­stüt­zung ange­wiesen sind und gleich­zeitig das Merk­zei­chen G, H oder GI (Gehörlos) haben. Das heißt jedoch nicht, dass der schwer­be­hin­derte Mensch nicht auch alleine mit der Bahn fahren darf.



Merk­zei­chen H
– Hilflos
Personen mit einem aner­kannten Pfle­ge­grad 4 oder 5 erfüllen in der Regel die Voraus­set­zungen für dieses Merk­zei­chen.

Übri­gens: Ein Schwer­be­hin­der­ten­aus­weis allein berech­tigt nicht zum Parken auf Behin­der­ten­park­plätzen. Dafür ist ein spezi­eller EU-Park­aus­weis Pflicht, der nur mit dem Merk­zei­chen aG oder Bl (blind) bean­tragt werden kann. Manchmal stellen Gemein­de­ver­wal­tungen eine befris­tete Ausnah­me­re­ge­lung aus, z.B. zum Parken vor der Arzt­praxis nach einem kompli­zierten Bruch und dadurch entstan­dener Gehbe­hin­de­rung.

In Bayern gibt es eine Sonder­re­ge­lung mit dem Park­aus­weis „nur BY“. Nähere Infor­ma­tionen dazu bei Ihrer Stadt- oder Gemein­de­ver­wal­tung oder im Internet unter http://www.nuernberg.de/internet/soer_nbg/parkausweise.html .


#6
Welche Nachteilsausgleiche erhalten Sie mit dem Schwerbehindertenausweis?



Nach­teils­aus­gleiche sind verschie­dene Hilfen für Menschen mit Behin­de­rung zum Ausgleich für behin­de­rungs­be­dingte Nach­teile und Mehr­auf­wen­dungen.

Öffent­liche Verkehrs­mittel

Das Merk­zei­chen „G“ berech­tigt entweder zu einer ermä­ßigten Kfz-Steuer (das Auto muss auf den Antrag­steller zuge­lassen sein) oder zum Kauf einer Wert­marke für die Nutzung des öffent­li­chen Nahver­kehrs im gesamten Bundes­ge­biet. Diese Marke kostet zur Zeit 80 Euro/Jahr.

Tipp: Bei der Deut­schen Bundes­bahn erhalten Schwer­be­hin­derte mit einem GdB von mindes­tens 70 die Bahn­Card 25 und Bahn­Card 50 zum ermä­ßigten Preis.

Steu­er­erleich­te­rungen

Bei der jähr­li­chen Steu­er­erklä­rung können Sie einen Behin­der­ten­pausch­be­trag ansetzen, abhängig von dem GdB. Beim Vorliegen eines GdB von 80 beträgt er momentan etwa  1.060 Euro.

In vielen Gemeinden sind schwer­be­hin­derte Menschen mit Merk­zei­chen Bl oder H von der Hunde­steuer befreit. Erkun­digen Sie sich bitte bei Ihrer Gemeinde.

Beruf

Für noch berufs­tä­tige Menschen gibt es u.a. einen beson­deren Kündi­gungs­schutz, Sonder­ur­laub oder eine behin­der­ten­ge­rechte Ausstat­tung des Arbeits­platzes. Weitere Infor­ma­tionen und Unter­stüt­zung geben die Inte­gra­ti­ons­fach­dienste. Für Mittel­franken: www.ifd-ggmbh.de

Ermä­ßi­gungen bei Eintritts­gel­dern und Mitglied­schaften

Frei­zeit­ein­rich­tungen und kultu­relle Insti­tu­tionen (Museen, Kinos etc.) bieten Vergüns­ti­gungen auf frei­wil­liger Basis. Fragen Sie danach an der Kasse.

Bei Ihrer Gemein­de­ver­wal­tung können Sie sich über weitere Nach­teils­aus­gleiche, z.B. im Bereich des Wohnens erkun­digen, z.B. bei der Wohnungs­bau­för­de­rung oder Wohn­geld. Bei einer Kündi­gung des Wohn­ver­hält­nisses geben Mieter­ver­eine Auskunft zum beson­deren Kündi­gungs­schutz.



Die Broschüre „Wegweiser für Menschen mit Behin­de­rung – Rechte und Nach­teils­aus­gleiche“ vom Zentrum Bayern Familie und Soziales bietet einen Über­blick über Rechte und Antrags­ver­fahren sowie Kontakt­daten der zustän­digen Stellen.

Bestel­lung oder Down­load im Internet: http://www.bestellen.bayern.de/shoplink/10201720.htm

Persönliche Beratung erhalten Sie in der Region Nürnberg z.B. beim

» Zentrum Bayern Familie und Soziales – Regio­nal­stelle Nürn­berg
Bären­schanz­straße 8c, 90429 Nürn­berg, Tel. 0911 – 928 – 2080

» Service­Zen­trum Nürn­berg (SZN) – Bera­tung für Menschen mit Behin­de­rung, Wallen­stein­straße 61 – 63
90431 Nbg., Tel. 0911 / 60 06 69 80

www.bezirk-mittelfranken.de E-Mail: SZB@bezirk-mittelfranken.de


Erlangen:

» Online-Wegweiser für Menschen mit Behin­de­rung (www.erlangen.de) als Infor­ma­ti­ons­hilfe und Nach­schla­ge­werk www.erlangen.de/desktopdefault.aspx/tabid-1652

» Behin­der­ten­be­auf­tragte der Stadt Erlangen Thomas Grützner
Rathaus Erlangen, Rathaus­platz 1, 91052 Erlangen, Tel. 09131 – 86 2834

» Zentrum für Selbst­be­stimmtes Leben Behin­derter ZSL e.V. www.zsl-erlangen.de


Fürth:

» Behin­der­tenrat der Stadt Fürth, Tech­ni­sches Rathaus, Hirschen­straße 2, Tel. 0911 – 974 1783  www.behindertenrat-fuerth.de