Einen alten Baum verpflanzt man nicht.

Von 15. November 2017 März 1st, 2018 Allgemein


Diesen Satz höre ich oft von älteren Menschen, sobald wir über das Thema „Umzug“ spre­chen. Ich verstehe das gut. Gewach­sene soziale Bezie­hungen, die Infra­struktur unserer gewohnten Nach­bar­schaft und die zahl­rei­chen Erin­ne­rungen, die wir mit diesem Wohn­um­feld verbinden, bedeuten jedem von uns viel. Der Gedanke, sich davon lösen zu müssen, schmerzt. Hinzu kommt die Planung eines Umzugs mit den anfal­lenden Arbeiten.

Es gibt jedoch Situa­tionen, in denen ein Wohnungs­wechsel ein großes Plus an Lebens­qualität mit sich bringt. Dieser Beitrag richtet sich insbe­son­dere an Menschen, die sich vor vielen Jahren ein Häus­chen im Grünen zuge­legt haben. Die Pflege von Haus und Hof wird zuneh­mend anstren­gender und so taucht viel­leicht hin und wieder der Gedanke an einen Umzug in die Stadt auf.

Als Beispiel möchte ich Ihnen von einem mir gut bekannten Ehepaar erzählen, das sich im höheren Lebens­alter zu einem solchen Wechsel entschlossen hat:




Wie war die wohnliche Ausgangssituation?

Das Ehepaar Ilse und Helmut M. lebte fast 30 Jahre in einer Doppel­haus­hälfte in einem Vorort von Fürth. Der kleine Garten wurde vom Ehemann Helmut liebe­voll gepflegt und er traf sich regel­mäßig mit seinen Freunden im nahe­ge­le­genen Sport­verein zu einer Runde Tennis. Der Weg in den Stadt­wald war kurz, das Verhältnis zu den Nach­barn sehr freund­schaft­lich.

Diese Annehm­lich­keiten waren der Grund für Ehefrau Ilse, den Gedanken an einen Umzug viele Jahre zu verdrängen. Durch die schnell fort­schrei­tende Arthrose war das häufige Trep­pen­steigen für sie schon lange sehr schmerz­haft geworden. Der kleine Laden am Ort war geschlossen und so fuhr Ilse mit dem Vorortzug für jeden kleinen Einkauf in die Stadt. Oft fehlte ihr deshalb die Kraft, den Ruhe­stand wirk­lich zu genießen.

Nachdem weder eine Knie- noch eine Hüft­ope­ra­tion die erhoffte Erleich­te­rung brachten, wurde der Wunsch nach einem Umzug immer stärker. Ihre Tochter entdeckte eine geeig­nete 3-Zimmer-Wohnung in der Südstadt von Nürn­berg. Lage und Ausstat­tung entspra­chen den Vorstel­lungen der Eltern, der Kauf­ver­trag war schnell unter­schrieben.


Umzug nach Nürnberg

Die Auflö­sung des Hauses war viel Arbeit, klappte jedoch dank der ostpreu­ßi­schen Orga­ni­sa­tion der Haus­herrin ohne große Probleme. Der große Küchen­schrank steht nun in einer Studen­ten­bude und die Saft­presse bringt vermut­lich immer noch eine Groß­fa­milie gesund durch den Winter.



Wie veränderte sich das Leben nach dem Umzug?

Ilse M. hatte noch weitere Gelenk­ope­ra­tionen und schätzte deshalb beson­ders den Aufzug und das Wohnen auf einer Ebene. Das geräu­mige Bad und die schwel­len­losen Türen erleich­terten den Alltag. In den zahl­rei­chen kleinen Läden in der Nach­bar­schaft liess sich alles Notwen­dige finden, auch die Arzt­praxen waren fußläufig zu errei­chen. Nach kurzer Zeit hatte sie wieder genü­gend Energie für kultu­relle Veran­stal­tungen oder einen gele­gent­li­chen Shop­ping­bummel durch die Nürn­berger Fußgän­ger­zone.



Wie ist es dem Ehemann ergangen?

Helmut vererbte den Tennis­schläger seiner ältesten Enkelin, kaufte sich zwei Nordic Walking Stöcke und drehte bald begeis­tert regel­mä­ßige Runden um den Dutzend­teich. Als kontakt­freu­diger Rhein­länder nutzte er jede Gele­gen­heit zu einem Schwätz­chen mit anderen Haus­be­woh­nern. Manch nette Konver­sa­tion entwi­ckelte sich beim gemein­samen Wäsche­auf­hängen oder Zeitungs­holen. Vom Balkon im ersten Stock erfreute er sich an den Gärten seiner Nach­barn ohne einen Gedanken ans Gießen oder Schnee­schau­feln.

Beide meinten, durch den Umzug ein großes Stück Lebens­qualität gewonnen zu haben. Beson­ders froh waren sie über die recht­zei­tige Verän­de­rung bevor körper­liche und geis­tige Fähig­keiten even­tuell stark nach­ge­lassen hätten. So konnten sie sich gut einge­wöhnen und profi­tierten noch fast zwei Jahr­zehnte von der ange­nehmen Wohn­qua­lität.



Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer jetzigen Wohnsituation?

Diese Schil­de­rung regt Sie viel­leicht zum Nach­denken über Ihre eigene Wohn­si­tua­tion an. Das Haus im Grünen, meist mit mehreren Stock­werken, hat seine Vorteile. Im Alter kann es jedoch beschwer­lich werden. Eine eben­erdige Wohnung oder eine Wohnung mit Fahr­stuhl bieten da mehr Komfort. Teil­weise hat sich die Nach­bar­schaft durch den Genera­ti­ons­wechsel verän­dert und soziale Kontakte sind weniger geworden. Beson­ders im Winter wird es dann einsam. In manch länd­li­chen Gegenden verschlech­terte sich die Infra­struktur. Busse fahren nicht ausrei­chend, Einkaufs­mög­lich­keiten schwinden und die gesund­heit­liche Versor­gung lässt zu wünschen übrig.

»Nicht das Alter gefährdet die selbständige Lebensführung, sondern oft ist es eine nicht altersgerechte Wohnsituation!

Umfrageergebnis:

Laut einer Umfrage bei Menschen über 65 Jahren, würden

82 % aller Befragten, im Alter noch einmal umziehen, wenn sie ohne Hilfe nicht alleine wohnen könnten

53 %, um bessere Versor­gungs­mög­lich­keiten zu haben und

52 %, wenn die neue Wohnung den Bedürf­nissen besser entspre­chen würde.

(statista 2018)



Entscheidungshilfen 

Einige Über­le­gungen, die Ihnen bei der Entschei­dung helfen können:

  • Wie ist mein körper­li­cher und geis­tiger Gesund­heits­zu­stand? Habe ich bereits körper­liche Einschrän­kungen, die sich vermut­lich noch verstärken werden?
  • Wie ist meine momen­tane Wohn­si­tua­tion? Kann ich durch bauliche Verän­de­rungen oder den Einsatz von Hilfs­mit­teln meinen Alltag erleich­tern?
  • Wer hilft mir im Garten? Wie weit sind Geschäfte und Ärzte von mir entfernt? Komme ich dort im Zwei­fels­fall auch ohne Auto hin? Sind öffent­liche Verkehrs­mittel leicht erreichbar?
  • Gibt es in meiner Nähe ambu­lante Dienste, die ich enga­gieren könnte? Kann ich mit der Unter­stüt­zung von Ange­hö­rigen, Nach­barn oder Freunde zuver­lässig rechnen?
  • Wie sind meine finan­zi­ellen Voraus­set­zungen?
  • Wie groß ist mein Bedürfnis nach Sicher­heit bzw. Selb­stän­dig­keit?

Viel­leicht hilft Ihnen auch eine Pro- und Contra-Liste. Schreiben Sie die jewei­ligen Vor- und Nach­teile auf, die ein Wohnungs­wechsel für Sie bringen würde. Nicht alles lässt sich voraus­sehen, das Aufschreiben bringt jedoch zusätz­liche Klar­heit über die einzelnen Punkte.



Nehmen Sie sich für Ihre Entschei­dung viel Zeit. Spre­chen Sie mit anderen über Ihre Gedanken und infor­mieren Sie sich über geeig­nete Wohnungs­an­ge­bote in dem gewünschten Stadt­teil.

Zu einem Umzug im höheren Lebens­alter gehören Offen­heit, Vertrauen und eine große Portion Mut. Aber viel­leicht sagen auch Sie eines Tages:

„Auch alte Bäume lassen sich gut verpflanzen!“